Fastenhirtenbrief unseres Bischofs Dr. Ulrich Neymeyr

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Fastenhirtenbrief unseres Bischofs Dr. Ulrich Neymeyr

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn!

Die Fastenzeit ist auch eine Zeit der Besinnung darauf, wie wir mit unserer Zeit, unserer Aufmerksamkeit und auch unserem Geld umgehen. In der Bibel finden wir viele Stellen, die uns zur Sparsamkeit und verantwortungsvoller Nutzung von Ressourcen aufrufen. Im Gleichnis von den Talenten (Mt 25,14-30) spricht Jesus davon, wie wir mit den uns anvertrauten Gaben umgehen sollen. Der Herr vertraut uns etwas an und wir sind dazu berufen, es gut zu bewahren und fruchtbar einzusetzen. Natürlich geht es hier nicht nur um Geld, sondern um alle Ressourcen: unsere Zeit, unsere Talente, aber auch unsere finanziellen Mittel.

Das gilt auch für unser Bistum: Wenn die Ausgaben (vor allem in den Personalkosten) steigen und die Einnahmen (besonders durch Kirchensteuer) sinken, müssen wir darauf in einem Haushaltskonsolidierungsprozess reagieren. Die Entscheidung fällt nicht leicht, was fortgeführt und was aufgegeben werden soll. Dies betrifft nicht nur das Bistum, sondern auch die Pfarreien. Immobilien sind mit dem Selbstverständnis der Kirche als wanderndes Volk Gottes eigentlich nicht vereinbar. Die Kirche würde ihre Berufung verfehlen, wenn sie nur ihren Besitzstand wahren wollte und nicht mehr ein Volk von Pilgern der Hoffnung ist. Der wahre Reichtum der Kirche liegt nicht in Gebäuden und Grundstücken, in schönen Kirchen, gut ausgestatteten Pfarrheimen und Bildungshäusern, sondern in der Liebe, im Glauben und in der Hilfe, die wir Bedürftigen anbieten.

Der spürbare Rückgang an finanziellen Mitteln ist aber nicht das einzige Problem in unserem Bistum. Wir stehen darüber hinaus vor der Herausforderung, dass die Zahl der Priester, Diakone sowie Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten zurückgehen wird. Viele gehen in den nächsten Jahren in den wohlverdienten Ruhestand. Leider gibt es nicht genügend junge Menschen, die sich auf einen pastoralen Beruf in unserem Bistum vorbereiten. Das darf uns nicht ruhen lassen. Wir sind aufgefordert, um Arbeiter im Weinberg zu beten. Jesus selbst fordert uns dazu auf: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bitte deshalb den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.“ (Lk 10,2)

Am Gebetstag für geistliche Berufungen beten wir nicht nur um geistliche Berufe, sondern auch für geistliche Berufe. Ich bitte Sie alle, dass Sie diejenigen, die einem geistlichen Ruf gefolgt sind, nicht über die Maßen zu strapazieren. Ein Priester soll aus gutem Grund nur einmal am Tag und zweimal am Sonntag die Heilige Messe feiern. Er soll sie nämlich mit innerer Andacht feiern können. Deswegen wird in Zukunft nicht mehr so häufig Eucharistie gefeiert werden können, besonders auch bei Sonderanlässen wie Ehejubiläen, Beisetzungen oder Kirmesfeiern. Ich bin überaus dankbar, dass es in unserem Bistum so viele tüchtige Diakonatshelferinnen und Diakonatshelfer gibt. In diesem Jahr können wir das 60-jährige Jubiläum dieses wichtigen Dienstes in unserem Bistum begehen.

Wir gehen in unserem Bistum auch richtige Schritte, um die Pfarrer zunehmend vonVerwaltungsaufgaben zu entlasten. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass auch in unserem Bistum Getaufte und Gefirmte in der Vorbereitung der Kinder auf die erste Heilige Kommunion und der Jugendlichen auf den Empfang des Firmsakramentes Verantwortung übernehmen. Das Amt des Katecheten ist ein uraltes Amt in unserer Kirche, dessen Bedeutung Papst Franziskus mit einem Apostolischen Schreiben im Jahr 2021 hervorgehoben hat. Es trägt den schönen Titel „Antiquum ministerium“ (Altes Dienstamt).

Das sind große Herausforderungen, vor denen wir stehen und die möglicherweise den Blick verstellen für die wichtigste Herausforderung der Kirche in unserem Bistum. Papst Leo XIV. hat mir den Blick dafür geöffnet und mir Hoffnung und Zuversicht mitgegeben: Bei der Wallfahrt der Messdienerinnen und Messdiener unseres Bistums nach Rom im Oktober durften zwei von ihnen direkt vor den Heiligen Vater treten und ihm die Grüße der ganzen Pilgergruppe übermitteln. Ich habe dem Papst gesagt, dass die eine Messdienerin in Eisenach wohnt und der andere Messdiener in Jena und dass in diesen Städten nur 7% der Menschen katholisch sind und etwa 20% evangelisch. Der Papst fuhr selbst fort: „Der Rest ist ohne Religion und wartet auf das Evangelium“ Es hat mich sehr gefreut, dass der Papst die pastorale Situation in unserem Bistum kennt und uns ermutigt.

Ich habe mittlerweile viele Gespräche über die Frage geführt, ob denn die nichtreligiösen Menschen in Thüringen tatsächlich auf das Evangelium warten. Sicher warten sie nicht auf die katholische Kirche. Der sogenannte Missbrauchsskandal schadet der katholischen Kirche nachhaltig. Auch ich bin darüber entsetzt. 3 bis 5 % der Priester weltweit, so die Schätzung der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen, haben durch sexuelle Übergriffigkeiten, Vergehen und Verbrechen nicht nur den betroffenen jungen Menschen für ihr Leben lang geschadet, sondern auch der Kirche. Wir können das verlorengegangene Vertrauen nur zurückgewinnen durch konsequente Prävention sexualisierter Gewalt, durch klaren Umgang mit Beschuldigungen und beharrliche Aufarbeitung.

Die Menschen, die möglicherweise auf das Evangelium warten, warten auch nicht auf den Katechismus. Manche mögen vermuten, der Katechismus sei ein Rezeptbuch für das Leben. Aber die katholische Morallehre dient der Gewissensbildung und kann und will das Gewissen des Einzelnen nicht ersetzen.

Die Menschen, die auf das Evangelium warten, warten auch nicht auf ein Pfarrfest – es gibt viele attraktive Feste. Und, so leid es mir tut, sie warten auch nicht auf die Sonntagsmesse. Die Feier der Sonntagsmesse setzt viele Kenntnisse und eine längere Einübung voraus. Wer sie fruchtbar mitfeiern möchte, muss sich ins persönliche und gemeinsame Beten eingeübt haben, muss den Sinn der einzelnen Teile der Heiligen Messe kennen und einen Zugang dazu gefunden haben, dass uns Jesus Christus in der Heiligen Kommunion persönlich begegnet.

Was also könnten Menschen vom Evangelium erwarten, die es bisher nicht kennen oder sich nicht dafür interessiert haben? Für nicht Wenige wird es die Aussicht auf eine Lebensperspektive sein. Wer hohe Schulden hat, braucht jemanden, der ihm aus  der Schuldenfalle hilft. Wer seine Miete nicht bezahlen kann, braucht einen Ausweg aus dieser Misere. Wer einsam ist, braucht einen Mitmenschen. Wer um einen lieben Menschen trauert, braucht jemanden, der die Trauer mit ihm aushält. Dazu braucht es nicht nur professionelle Hilfe, etwa durch den Caritasverband. Auch Ehrenamtliche leisten ihren Mitmenschen unverzichtbare Dienste und zeigen ihnen eine Lebensperspektive auf.

Es ist schon angeklungen: Menschen, die auf das Evangelium warten, suchen viel- leicht Trost. Vielleicht sehnen sie sich nach der Hoffnungskraft eines Glaubens an ein Leben nach dem Tod, das wir Christen in der Ewigkeit Gottes erhoffen. Vielleicht sehnen sie sich auch nach der Hoffnungskraft des Glaubens an einen Gott, der hinter den  Dingen ist. Oder sie sehnen sich nach dem Sinn, den unser Glaube gibt. Der tschechische Philosoph und spätere Staatspräsident Václav Havel hat geschrieben: „Hoffnung heißt nicht, dass alles gut ausgeht. Hoffnung heißt, dass es Sinn macht, gleich wie es ausgeht.“ Vielleicht gibt es mehr Menschen, die einen Sinn haben für die Wirklichkeit Gottes, als wir denken. Vielleicht gibt es mehr Zeitgenossen mit einem Gespür für Transzendenz und Ewigkeit, als wir glauben. Vielleicht gibt es tatsächlich Thüringerinnen und Thüringer, die auf das Evangelium warten. Wir sollten Sie nicht enttäuschen, indem wir an überholten Strukturen festhalten und von vergangenen Tagen schwärmen.

Die Voraussetzung dafür ist, dass wir nicht nur das Mühevolle unseres Glaubens sehen, das es zweifelsohne gibt. Es ist nicht einfach, immer aufmerksam zu sein für die Mitmenschen und so dem Gebot der Nächstenliebe gerecht zu werden. Unsere Religion stellt den Anspruch, Gott trotz aller Anforderungen des Alltags Aufmerksamkeit im Gebet zu schenken und im gemeinsamen Gottesdienst Gott zu loben und im Sakrament der Eucharistie Christus zu begegnen. Der christliche Glaube ist durchaus anspruchsvoll. Wenn wir aber den Menschen unseren Glauben anbieten und sie dafür gewinnen wollen, dürfen wir die Freude an unserem Glauben nicht vergessen oder verlieren. Unser Glaube ist ein großes Geschenk, um das uns manche vielleicht sogar beneiden. Im Glauben können wir uns sicher sein, dass Gott unser Leben trägt und hält, komme, was da wolle. Der Jesuitenpater Alfred Delp hat kurz vor seiner Hinrichtung durch die Nazis den Satz geschrieben: „Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt.“ Der Glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben bei Gott gibt unserem Leben Sinn, Hoffnung und Halt. Die Botschaft Jesu im Evangelium gibt uns eine Richtschnur an die Hand, wie wir leben sollen, was wir tun und was wir lassen sollen. Jesus hat diese Werte nicht in ein großes Gesetzbuch geschrieben, sondern er hat sie vorgelebt. Und er hat uns Gott als den barmherzigen Vater verkündet, der uns auch dann nicht fallen lässt, wenn wir nicht nach den Grundsätzen des Evangeliums und der Gottes- und Nächstenliebe leben. Wir können immer zu Gott zurückkehren.

Dazu lädt uns die Fastenzeit ein und die Fastenzeit ist eine Zeit, in der wir uns in der Vorbereitung auf das Osterfest wieder neu in die Freude und Dankbarkeit über unseren Glauben einüben.

Dazu segne Euch alle der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Ihr Bischof Ulrich Neymeyr

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99089 Erfurt, Thüringen  

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